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Ball im Spiel


Ist gut für den Rücken: Sitzen auf Bällen statt auf harten Stühlen. [Bild: Ralph Ribi]
60 Prozent der Erwachsenen und ein Drittel aller Jugendlichen leiden regelmässig an Rückenschmerzen. Eine der Hauptursachen ist die falsche Haltung beim Sitzen. Orthopäden und Physiotherapeuten empfehlen als Vorbeugungsmassnahme immer häufiger das Sitzen auf einem Ball. Er hält die Wirbelsäule in Bewegung und stärkt den Rücken.

Er ist rund, federleicht und hat einen Durchmesser von 65 cm. Ein ganz normaler Spielball, wie man ihn von der Gymnastikstunde oder Spielwiese kennt. In letzter Zeit benützt man die bunte Kugel aber immer häufiger in Büros und Klassenzimmern. Nicht etwa zur Zierde oder zum Spielen in der ZnüniPause, sondern zum Draufsitzen. Als RückenTherapie.
Müder Rücken
Auch Christa H. sitzt seit kurzem auf einem solchen Ball. Sie ist Sekretärin und tippt täglich mehrere Stunden am Computer oder an der Schreibmaschine. «Ich bekam vom ständigen Sitzen immer stärkere Schmerzen im Kreuz, litt unter einem müden Rück en und Kopfweh. Eines Tages hatte ich einen Hexenschuss, wenige Wochen später einen zweiten», erzählt sie.

Als Christa schliesslich einen Physiotherapeuten auf suchte, riet ihr dieser zu einem Sitz-Ball. Seither sind die Ver spannungen im Kreuz verschwunden. «Praktisch von einer Woche auf die andere. Ich arbeite heute die meiste Zeit des Tages auf dem Ball.»

Worin liegt das Geheimnis des Sitz-Balls? «Immer mehr Patienten in meiner Praxis klagen über Rückenschmerzen.
Schuld daran ist das lange und falsche Sitzen auf einem unge eigneten Stuhl», sagt der Rorschacher Physiotherapeut Wilbert Derksen. Es beginne schon bei den Kindern: Ein Drittel aller Jugendlichen zwischen 12 und 14 Jahren hätten Haltungsschäden.

«Wir sitzen ganz einfach viel zu viel auf Stühlen, statt uns zu beweget: Tagsüber im Büro oder in der Schule, abends vor dem Fernsehapparat oder dem Heimcomputer. So kann sich der Körper nie richtig entspannen.» Wer tagsüber angespannt sitze und unter Leistungsdruck stehe, dür fe sich abends nicht nochmals überfordern: mit anstrengenden Weiterbildungskursen oder einem Krafttraining. «Bewegung an der frischen Luft ist gesünder.»
Falsche Sitzhaltung
Das schlimmste aber sei die falsche Sitzhaltung: «Wir arbeiten oft mit einem runden Rücken und nach vorne gebeugtem Kopf. Viele Menschen begehen immer wieder den gleichen Fehler: Sie lassen beim Sitzen das Becken nach hinten fallen, statt es nach vor ne zu schieben. Dabei machen sie einen Buckel und belasten dadurch das Kreuz,» erklärt der Therapeut.
Aus diesem Grund empfiehlt Wilbert Derksen das Sit zen auf einem Ball. «Er hat kei ne Rückenlehne, ist beweglich und zwingt uns dadurch zu einer korrekten und aktiven Sitzhaltung.» Zudem sei die Halswirbelsäule bei vorgeschobenem Becken automa tisch in der richtigen Position. «Die Spannung in der Halsund SchulterMuskulatur wird gleichmässig verteilt.»
Bauchmuskulatur trainieren
Langes passives Sitzen da gegen sei schädlich für unsere Wirbelsäule. «Unser Knochen gerüst wird normalerweise von der Muskulatur getragen. Je bequemer eine Stuhllehne oder ein Stuhl ist, desto fauler wird unsere Haltung und umso mehr entspannen wir die Bauch und Rückenmuskula tur. Sie wird immer schlaffer.» Eine ungenügend gestärkte Muskulatur vergrössere den Druck auf die Bandscheiben und könne die umliegenden Nerven reizen.

In anderen Worten: Je besser die Muskulatur trainiert ist, desto weniger Tragarbeit muss die Wirbelsäule leisten. «Unbeweglichkeit ist Gift für unseren Rücken», sagt Wilbert Derksen. «Wir sollten nie stundenlang in der gleichen Position verharren, ohne eine Entspannungspause einzuschalten. Die Wirbelsäule muss immer leicht in Bewegung bleiben.» Der Therapeut empfiehlt deshalb, bei regelmässiger Sitzarbeit alle zehn Minuten eine kurze Pause einzuschalten: «Aufstehen und ein paar Schritte machen. Das genügt.»

Oder man benütze den Ball für zusätzliche Körperübun gen (z.B. sitzend einige Gleich gewichts oder Dehnübungen machen oder hüpfen).

Nicht nur in Betrieben hat der Sitz-Ball längst Einzug ge halten. Auch Kindergärten und Schulen lassen ihre Schüler immer häufiger auf den bunten Gummikugeln lernen. 
Gute Erfahrung in der Schule
«Ich habe sehr gute Erfahrungen damit gemacht», sagt Brigitt Baumgartner, Reallehrerin im FeldliSchulhaus, die schon vor vier Jahren die neue Sitzmethode in ihrer 7. Klasse eingeführt hat. «Versuchsweise. Gezwungen habe ich niemanden. Doch allmählich begeisterten sich immer mehr Jugendliche für die Bälle. Heu te sitzen alle Schüler auf grünen und orangen Kugeln.»

Sie habe die volle Unterstüt zung der Schule und vor allem der Schulärztin gehabt. «Die Eltern bezahlten den Anschaffungspreis von rund 25 Franken anfänglich selber.» Seit letztem Herbst übernimmt die Schule die Kosten. «Wir sind inzwischen bereits drei Lehrer im Feldli, die die Bälle eingeführt haben.»
Weniger aggressiv
Die Veränderung zeige sich vor allem im Verhalten der Schüler: «Sie freuen sich, auf etwas zu sitzen, das nicht so statisch ist wie ein harter Stuhl. Man kann darauf knien oder sich auch mal bäuchlings darüber legen. Über den Ball können erste Aggressionen rausgelassen werden. Das löst gewisse Spannungen», sagt die Lehrerin. Auch die Konzentrationsfähigkeit werde gefördert.

Der normale Stuhl sei zudem nicht aus dem Schulzimmer verbannt worden. «Wir benützen ihn immer wieder für gewisse Fächer oder ganz einfach zur Abwechslung», sagt Brigitt Baumgartner. Mass halten

Was übrigens von ETH-Sportlehrern befürwortet, ja geradezu als notwendig erachctet wird: Der Sitz-Ball solle kein Ersatz für den Stuhl sein, sondern lediglich eine Alternative, sagen sie. Denn zu langes Sitzen auf der beweglichen Masse könne unter Umständen zu Fehlbelastungen gewisser Gelenke führen.

Yvonne Forster

Verschiedene Modelle
  • Sitzbälle gibt es in allen Grössen und Farben. Für Erwachsene (ab Körpergrösse 1,60 Meter) empfiehlt sich ein Durchmesser von 65 cm; bei Körpergrösse 1,40 bis 1,60 Meter: 53 cm. Ein grosser Ball kostet im Laden um 40 Fr. (kleinere etwa 35 Fr.).
  • Für Kinder gibt es Sitzbälle in den Grössen 42/45/53/65 cm (z.B. OriginalPezibälle, Preis: ab 26.50 Fr.). Die Modelle sind zum Teil mit kleinen Beinen versehen (z.B. beim Modell «Sit'n' Gym», ['reis: ab 28 Fr.). Diese verhindern das Wegrutschen.
  • Sitzbälle sind erhältlich bei Physiotherapeuten, Orthopäden, Sanitätsgeschäften (z.B. bei Hausmann in St.Gallen, Tel. 071/222733. Preis für OriginalPeziball: Fr. 39.90) und Spezialfirmen für Rehabilitationsgeräte (z.B. Dr. Blatter in Volketswil, Tel. 01/ 9451880. Preis pro Ball: 35 Fr.)
  • Die Bälle werden abgepackt verkauft und müs sen vor Gebrauch auf die passende Grösse aufgeblasen werden (mit einer Velopumpe geht's am besten!).
  • Die ideale Ballhöhe ist erreicht, wenn man Beine und Fusssohlen am Boden aufstellen kann und die Knie angewin kelt sind. Rücken gerade halten. Vorsicht: Scharfe Gegenstände und Hitze können die Bälle beschädigen.
  • Das gleiche Prinzip wie der Sitz-Ball, aber in Form eines eleganten Hockers, bietet das Modell «Tendel» von der Firma Ten dag in 4415 Lausen (Tel. 061/921 03 15) an. Laden preis: 495 Fr. Beim Modell «Yoyo» handelt es sich um einen aufblasba ren Ball mit Stoffverschalung. Preis: Um 250 Fr. (erhältlich bei Wohnstudio Baumann). yf

Dem Schmerz auf der Spur

Serie «Ein Tag im Leben von ...»: Wilbert Derksen, Physiotherapeut, Rorschach


Wichtige Anweisungen, wie Übungen optimiert werden [Bild: Tamara Weibel]


Wichtige Anweisungen, wie Übungen optimiert werden [Bild: Tamara Weibel]

Schmerzen eruieren und sich für die richtige Therapie entscheiden. Dies sind die Hauptaufgaben eines Physiotherapeuten. Er muss aber auch kommunikativ sein und sich für den Bewegungsapparat interessieren.

[TAMARA WEIBEL]

4.15 Uhr: Während es draussen noch nicht mal dämmert, sitzt Wilbert Derksen, die Zeitung vom Vortag lesend, in seinem Häuschen in Schachen bei Reute am Frühstückstisch. Mit einer Tasse Kaffee und - wie es sich für einen gesundheitsbewussten Physiotherapeuten gehört - einem gesunden Frühstück startet er in den Tag. Eine ausgewogene Ernährung und genügend Flüssigkeit seien wichtig. Für sein Frühstück nimmt er sich Zeit und lässt den Wecker bereits um vier Uhr klingeln. «Zum Frühstück gehören für mich Vollkornpro dukte, Obst und Orangensaft. Am liebsten habe ich dazu ein Fischprodukt oder getrocknetes Fleisch», erzählt er. Für uns eher ungewohnt, doch für einen Holländer ist Fisch zum Frühstück gang und gäbe. Noch kurz duschen, dann düst der vierfache Familienvater nach Rorschach in seine Praxis. Im Winter mit dem Auto, im Sommer mit dem Velo.

Wenn er um fünf Uhr in der Praxis ist, heisst es zuerst «Morgenfit». An den Fitnessgeräten, die tagsüber den Patienten zur Verfügung stehen, trainiert der ehemalige Leicht- und Triathlet seine Ausdauer und Kraft. «Ich will ja auch fit bleiben.

Auch Wäsche machen
Dann kann der Arbeitsalltag beginnen: Fangopackungen (zu Heilzwecken verwendeter vulkanischer Mineralschlamm, hier künstlich hergestellt) in die Wär me stellen, Ärzteberichte über den Therapieverlauf verfassen oder die Agenda durchschauen, um sich auf seine Patienten vorzubereiten. Auch Wäsche machen gehört dazu. Für jeden Patienten werden drei Tücher gebraucht, insgesamt 200 pro Tag gewaschen. Bevor um sechs Uhr die Praxis für Leute geöffnet wird, die noch vor der Arbeit trainieren wollen, muss Derksen deren Trai ningskarten kontrollieren.
Von jeder trainierenden Person sind alle Informationen über ihr individuelles Training auf einem Chip gespeichert. So sieht Derksen, wo beim Trainieren Schwie rigkeiten auftreten, wer die Übung zu schnell oder gar nicht macht, wer wie viele Gewichte hinzugefügt oder weggenom men hat. «Der Computer gibt die Karte fürs nächste Training erst frei, wenn sie kontrolliert ist.» Die medizinische Trainingstherapie, so der Fachausdruck, eignet sich für den Kraftaufbau nach der Physiotherapie, für eine spezielle Übung während der Therapie oder für körperbewusste Leute, die das «etwas andere», ruhigere Fitnesstraining suchen.

PERSON Wilbert Derksen

Bereits mit 16 Jahren entschied sich der gebürtige Holländer für den Beruf Physiotherapeut und absolvierte mit 20 die fünfjährige Ausbildung. Nach dem Militär «musste er einfach weg» und nahm im Spital Rorschach eine Stelle an. Der Lie be wegen blieb er hier, schloss 1996 die fünfjährige Akupunk turausbildung an der Societé d'Acupuncture internationale in Paris ab und erhielt 2004 den Doktor der Physiotherapie in Amerika. (tarn)
 
Auf den Patienten eingehen
7 Uhr: Der erste Patient steht auf der Matte. So geht es im Halb stundentakt weiter. «Ich lege Wert darauf, dass jede Sitzung 30 Minuten dauert. In unserem Be ruf ist es wichtig, auf den Patien ten eingehen zu können, damit er sich wohl fühlt und man ihn dort abholt, wo er momentan ist. Damit verbunden sind Gespräche, die Persönliches offen legen und die Zeit brauchen. Die Krankenkasse gibt nur 20 Minu ten für eine Sitzung vor, in dieser Zeit ist keine patientengerechte Behandlung möglich», so Derksen. Körperliche wie auch psychische Probleme könnten sich auf den Körper auswirken, Verspannungen und Schmerzen hervorrufen. «Ich höre gerne zu, helfe weiter, behalte mir die wichtigsten Sachen und kann dann aber gut wieder abschalten. Interessant ist es auch, wie verschiedene Nationalitäten den Schmerz erleben. Ein Südländer reagiert anders auf Schmerz als ein Nordländer.»
Was verursacht den Schmerz?

9.30 Uhr: Zeit für die Teamsit zung mit den vier Mitarbeitern. «Wir besprechen Patientenprobleme, praxisinterne Dinge oder führen auch mal eine interne Weiterbildung durch», erklärt der aufgestellte Holländer. Um zehn Uhr betritt die nächste Patientin die Praxis: «Guten Tag, wie geht es Ihnen? Wie ist es mit den Schmerzen?», will Derksen wissen. In der Art, wie er mit den Menschen umgeht, sieht man, dass ihm die Arbeit Freude berei tet. Er wirkt sehr motiviert. Später liegt die Dame auf der Behandlungsliege, ihr Rücken ist versehen mit Nadeln aus Edelmetall: Akupunktur nennt sich diese chi nesische Heilmethode, die gegen Schmerzen, Migräne, Ekzeme, Heuschnupfen oder Asthma wirkt. Neben der Physiotherapie - mit Massage-, Fango-, Ultraschall-, Elektro- und Bewegungstherapie - ist Akupunktur eine weitere Behandlungsform, die Wilbert Derksen anbietet.

12 Uhr: Wilbert Derksen hat ei ne Stunde Zeit, zu essen und sich auszuspannen. Doch auch dann ist er da, um allfällige Fragen der Trainierenden im Trainingsraum zu beantworten. Dann kommt der nächste Patient. Jemand, der das erste Mal die Trainingstherapie besucht. Ein ausgiebiger Untersuch ist nötig, um ein optima les Programm zusammenzustel len. Eine der Hauptaufgaben des Physiotherapeuten sei es, her auszufinden, welche Struktur des Körpers genau verletzt sei, dabei immer tiefer zu gehen und eine ideale Heilmethode zu wählen. «Ich finde dies äusserst interessant. Das Schönste ist aber das Resultat, wenn sich eine Verbes serung einstellt», so Derksen.

Zweimal die Woche ist er an der Reihe, die Praxis bis um 20 Uhr zu betreuen. Um so mehr freut sich seine Familie auf die Abende, an denen er früher nach Hause kommt. «Für Hobbys bleibt nicht viel Zeit. Aber wenn, dann mache ich gerne Musik, bin im Garten oder lese.»

Sorgt für Harmonie im Energiekreislauf: Akupun ktur. [Bild: Tamara Weibel]



Die Medimouse erkennt unnatürlich im Raum stehende Wirbel. [Bild: Tamara Weibel]


Nicht einfach die Terminkoordination. [Bild: Tamara Weibel]

Akupunktur sticht die Schulmedizin aus

Verwirrende Ergebnisse zweier grosser deutscher StudienZwei grosse Studien deutscher Krankenkassen haben gezeigt, dass Akupunktur besser gegen Rücken- und Kniegelenkschmerzen hilft als die schulmedizinische Standardtherapie. Eine eigens erfundene Schein-Akupunktur war allerdings fast genauso wirksam.

Im Februar 2002 hatten deutsche Krankenkassen die weltweit grössten Studien zur Wirksamkeit von Akupunktur gestartet, die sogenannten Gerac-Studien (German acupuncture trials). Diese sollten die Gleichwertigkeit von Akupunktur und schulmedizinischer Therapie auf einem noch nie da gewesenen wissenschaftlichen Niveau unter Beweis stellen. Jeweils über 1000 Patienten mit länger als sechs Monate anhaltenden Kreuz- beziehungsweise Knieschmerzen wurden nach dem Zufallsprinzip in drei Gruppen eingeteilt. Die Patienten der ersten Gruppe wurden nach den Regeln der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) behandelt. Die Patienten einer Kontrollgruppe erhielten, ohne selbst davon zu wissen, eine Schein-Akupunktur; bei dieser eigens für die Gerac-Studien entwickelten Methode wurde in Punkte gestochen, die einige Zentimeter von den echten Akupunkturpunkten entfernt waren. Die zweite Kontrollgruppe schliesslich bestand aus Patienten, die nach schulmedizinischem Standard mit Krankengymnastik, Massagen, Rückenschule, Elektrotherapie und Medikamenten behandelt wurden.
Echte und Schein-Akupunktur gleichauf
Die Ergebnisse zweier Gerac-Teilstudien, die nun Ende Oktober am Orthopäden-Kongress in Berlin vorgestellt worden sind, erstaunen Akupunktur-Anhänger und -Skeptiker gleichermassen. Sechs Monate nach der Standardtherapie gegen Kreuzschmerzen hatte nur bei einem Viertel der Patienten der Schmerz spürbar nachgelassen oder sich die Beweglichkeit der Wirbelsäule deutlich verbessert. Bei den mit Akupunktur behandelten Patienten dagegen war eine Erfolgsquote von 47,6 Prozent zu verzeichnen. Bei den mit der Schein-Akupunktur Behandelten allerdings lag sie fast ebenso hoch - bei 44,2 Prozent.
Ähnlich sahen die Zwischenergebnisse für die Teilstudie Kniegelenkverschleiss aus: Eine Abnahme der Schmerzen und eine Verbesserung der Gelenkfunktion liess sich in allen drei Gruppen nachweisen, wobei die Erfolgsraten unter den Patienten mit TCM-Akupunktur (51 Prozent) und Schein-Akupunktur (48 Prozent) deutlich höher lagen als bei jenen Patienten, die konventionell behandelt worden waren (28 Prozent). Akupunktur wirkt demnach besser gegen chronische Kreuz- und Knieschmerzen als Schulmedizin; die Auswahl der Akupunkturpunkte sowie die spezifische Stichtechnik scheinen jedoch keinen wesentlichen Einfluss auf den Therapieeffekt zu haben. Was ist nun von diesen verblüffenden Ergebnissen zu halten?

Dass der Glaube an eine Methode und die Erwartung einer Schmerzlinderung bereits Wirkung zeigen und die Hirnphysiologie beeinflussen, gilt heute als erwiesen. Eine wichtige Rolle spielt dabei nach neueren Erkenntnissen der Neurotransmitter Dopamin. Im Normalfall wird dieser Botenstoff ausgeschüttet, wenn eine baldige Belohnung abzusehen ist - oder wenn ein Placebo Heilung verspricht. Schon seit längerer Zeit gehen Forscher zudem davon aus, dass durch Placebos auch schmerzlindernde Opioide im Körper freigesetzt werden. Wirkt dieser Placebo-Effekt bei der Standardtherapie etwa nicht mehr richtig, weil viele Menschen heute naturheilkundlichen Verfahren mehr zutrauen als der Schulmedizin? Dagegen spricht, dass Patienten, die unbedingt Akupunktur haben wollten, diese auch jederzeit kostenlos bekommen konnten. In die Studien gingen nur solche Patienten ein, die mit Rücken- oder Knieschmerzen zum Arzt kamen und die sowohl zur Standardtherapie als auch zur Akupunktur gleichermassen bereit waren.

Von einem reinen Placebo-Effekt sei bei der Schein-Akupunktur nicht auszugehen, meint auch der Heidelberger Schmerzforscher Konrad Streitberger. Denn hier sei ebenfalls gestochen worden - mit richtigen Nadeln und nicht mit Placebo- Nadeln, die sich teleskopartig zusammenschieben und nur scheinbar in die Haut eindringen. Allerdings war die Einstichtiefe bei der Schein-Akupunktur auf maximal 5 Millimeter begrenzt worden, um die Wirkung des Einstichs an sich gering zu halten - schon ein normaler Stich allein bewirkt nämlich eine Ausschüttung des stimmungsaufhellenden Neurotransmitters Serotonin und schmerzstillender Endorphine im Gehirn und ist damit schmerzlindernd. Bei der TCM-Akupunktur betrug die Einstichtiefe je nach Lage des Akupunkturpunktes 0,5 bis 3,5 Zentimeter.
Zu viele Standards für die Akupunktur?

Eine Erklärung für die geringe Differenz zwischen den beiden Akupunktur-Methoden in den Gerac-Studien könnte das Studien-Design selbst sein. Um vergleichbare Daten zu erhalten, waren die Akupunktur-Verfahren nämlich speziell für die Gerac-Studien auf der Grundlage internationaler Literatur und Expertenempfehlungen standardisiert worden, etwa bezüglich der Auswahl der Akupunkturpunkte und der Anzahl von Behandlungen. Auch die Wärmestimulation, sonst ein wesentlicher Bestandteil der Akupunktur, war in den Gerac-Studien nicht erlaubt. Die Ergebnisse von Gerac besitzen demzufolge ausschliesslich Gültigkeit für die hier angewandten, standardisierten Verfahren - und diese repräsentieren nicht die maximal mögliche Akupunkturqualität, sondern entsprechen der durchschnittlichen Praxis in Deutschland. - Eines jedenfalls ist gewiss: Die nächsten Ergebnisse der Gerac-Studien, die im Frühjahr 2005 zum Spannungskopfschmerz und zur Migräne veröffentlicht werden sollen, werden mit Spannung erwartet.

Katrin Käppler-Hanno (NZZ)

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